Give to Gain – oder: Frauenrechte als Bonusprogramm?

Es ist wieder so weit. Women’s Day.

 

Jener Tag, an dem kollektiv festgestellt wird, dass es Frauen gibt – und dass diese erstaunlicherweise Rechte haben sollten. Natürlich nicht einfach so. Sondern mit Motto. Mit Kampagne. Mit Hashtag.

 

„Give to Gain isn’t just a pose; it’s a mindset.“

Ein Mindset also. Geben, um zu gewinnen. Teilen, um zu profitieren. Engagement – bitte mit Rendite.

 

Man muss diesen Satz nur einmal laut lesen, um zu hören, wie schief er klingt. Selbst am Weltfrauentag gilt offenbar: Erst der Nutzen, dann die Moral.

 

Das Problem ist nicht die gute Absicht.
Es ist die Grammatik.

Wer gibt, steht oben. Wer erhält, unten.
Als wäre Gleichheit ein Werkstück, das erst durch wohlmeinende Hände in Form gebracht werden muss. Selbst rhetorisch weichgespült bleibt die Botschaft bestehen: Gleichberechtigung erscheint als Resultat großzügigen Verhaltens. Als etwas, das man aktiviert, befördert, ermöglicht.

 

Aber Gleichheit ist kein Incentive-Programm.
Kein Crowdfunding-Projekt.
Keine moralische Bonuskarte.

Sie ist kein Geschenk. Sie ist der Ausgangspunkt.

 

Wenn wir beginnen, Gleichberechtigung als Akt des Gebens zu formulieren, verschieben wir sie aus dem Selbstverständlichen ins Gutgemeinte. Und plötzlich hängt Geschlechtergerechtigkeit vom richtigen „Mindset“ ab. Von der Pose. Vom Symbolbild.

 

„The Give to Gain pose as a symbol of a powerful exchange.“

Ein symbolischer Austausch – schön und gut.
Aber was genau wird hier getauscht?
Und wer steht wofür Modell?

 

Als Mann frage ich mich dabei unweigerlich: Was ist meine Rolle?
Ein Foto einsenden, auf dem ich Gleichheit verteile?
„Empowerment“ betreiben wie ein Ehrenamt?
Stolz verkünden, dass ich großzügig unterstütze – und dafür kollektiv aufsteige?

 

Das alles wirkt seltsam verschoben.

Der Weltfrauentag ist kein Anlass für gönnerhafte Gesten.
Kein Diversity-Workshop mit Wohlfühlfaktor.

 

Er erinnert daran, dass Frauenrechte nie ein Geschenk waren – und keines sein sollten.

Vielleicht liegt die eigentliche Würde dieses Tages gerade darin, dass er uns vor Augen führt, wie absurd seine Notwendigkeit ist.

Dass man für die Hälfte der Menschheit ein eigenes Datum markieren muss, um festzuhalten: gleich.

Nicht großzügig gefördert.
Nicht symbolisch gestärkt.
Nicht durch Pose legitimiert.
Sondern gleich.

 

Ich kann als Mann nichts „geben“, was Frauen zusteht.
Ich kann nichts „gewinnen“, was nicht ohnehin allen gehört.
Ich kann höchstens darauf verzichten, Gleichberechtigung wie eine freiwillige Gabe erscheinen zu lassen.

„When women thrive, we all rise.“
Ja.

Aber nicht, weil wir großzügig waren.
Sondern weil sie nie hätten unten stehen dürfen.

 

Der radikalste Mindset-Wechsel wäre womöglich ein unspektakulärer:
Kein „Give to Gain“.
Kein moralischer Tauschhandel.
Keine Pose.

 

Sondern die schlichte Einsicht:
Mensch ist Mensch.
Und das ist kein Mindset.
Das ist der Maßstab.                                     ... auch drei Tage später noch. 

                                                                                                                                                                           Stefan Eck

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